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Geräusch und Wirklichkeiten
Ein Phantastisches Binom
Ein Geräusch flatterte einen Waldweg entlang. Es flatterte natürlich geräuschvoll, und indem es dies tat, zeigte es der Welt, wer es war; es tat das allerdings nicht bewusst, hatte noch nie darüber nachgedacht.
Auf einmal sah es vor sich einige Gestalten - wie viele waren es? Fünf, sechs, sieben? Das war nicht klar, die Gestalten verschwammen ineinander, lösten sich wieder voneinander, verschwammen, lösten sich …
Das Geräusch setzte sich auf einen Baumstamm und kratzte sich geräuschvoll am Kopf.
Wer seid ihr denn?, fragte es die Gestalten.
Wir sind deine Wirklichkeiten, sagten sie alle wie aus einem Mund, als handle es sich um einen Chor.
Meine … was?
Deine Wirklichkeiten, sagten die fünf oder sechs oder sieben.
Wieso Wirklichkeiten?, wunderte sich das Geräusch. Ich bin doch wirklich - ich bin, was ich bin, und basta. Das ist meine Wirklichkeit. Nur eine - nicht fünf oder sechs oder sieben.
Darüber solltest du mal ernsthaft nachdenken, sagte die Wirklichkeit, die ganz links stand. Mich hast du vermutlich vergessen - ich bin die störende Seite an dir.
Störend? Ich störe doch niemanden.
Und ob, sagte die zweite Wirklichkeit. Zeitweise störst du deine Mit-Lebewesen ganz erheblich. Mit Autotüren-Zuschlagen um Mitternacht zum Beispiel.
Ich? Nein, das kann nicht sein!, rief das Geräusch.
Aber das ist nur ein Teil deines Wesens, besänftigte die zweite Wirklichkeit von rechts. Du hast auch eine andere Seite, eine, die die anderen Lebewesen erfreut.
So?, sagte das Geräusch. Das habe ich nicht gewusst, dass ich jemanden …
Doch, klar, rief die Wirklichkeit ganz rechts. Ein Bachgemurmel im Sommer zum Beispiel.
Das mache ich auch?, staunte das Geräusch.
Ja, rief eine der Wirklichkeiten, und manchmal warnst du Menschen vor einer Gefahr ...
… oder du kündigst ihnen eine Nachricht an ...
... eine gute oder eine schlechte …
Die Wirklichkeiten redeten durcheinander, während das Geräusch immer größere Augen bekam.
Und das soll alles ... ich …, stammelte das Geräusch. Ich kann das gar nicht glauben ... Obwohl ... Was ihr da sagt, ist mir ja nicht ganz fremd ...
Eben, riefen da gleich mehrere, du hast dich bisher für immer ein und dasselbe Wesen gehalten, dabei bist du eben viele.
Da bekam das Geräusch ziemlich feuchte Augen. Es streckte die Arme aus, umfasste alle anwesenden Wirklichkeiten, ob nun fünf oder sechs oder sieben, und zog sie an seine Brust. Beinahe hätte es dabei die eine oder andere erdrückt.
Kurt Schwob
Der Begriff "Phantastisches Binom" stammt von Gianni Rodari (beschrieben in seinem Buch: Die Grammatik der Phantasie, Die Kunst, Geschichten zu erfinden, Reclam 1431, Leipzig 1991). Man gibt reihum zwei Wörter weiter und bekommt also auch zwei, und zwar unbekannte; diese setzt man zueinander in Beziehung, indem man sie als Personen handeln lässt - und lässt sich davon überraschen, was die eigene Phantasie aus dem Zufall macht.
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Kontakt:
Kurt Schwob, Riedmattstrasse 3 C, 4500 Solothurn Telefon 032/622 45 73, Fax 032/6 236 256
E-Mail: kurtschwob@bluewin.ch
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